Leseprobe: Hope of Tomorrow


* 1 *

Es gibt Dinge im Leben, deren bloßer Anblick sich so tief einprägt, dass du sie niemals vergisst. Sie graben sich in dein Bewusstsein und hinterlassen selbst dann eine Narbe, wenn du nicht das Opfer, sondern nur der Zuschauer bist. In den letzten zwanzig Jahren hatte ich zu viele dieser Dinge gesehen, um so zu tun, als wäre mein Leben eine Sahnetorte mit rosa Zuckerguss. Und zu wenige, um ihnen gleichgültig gegenüberzustehen.
Vielleicht machte mich das zynisch, aber ich war wenigstens nicht so naiv wie meine Kommilitonin, die unseren Dozenten gerade allen Ernstes fragte, warum Nord- und Südkorea nicht einfach zusammenarbeiten konnten.
»Ja, klar. Sie setzen sich bestimmt zusammen, rauchen eine Friedenspfeife und singen Give Peace A Chance …«, murmelte ich und malte ein weiteres Kästchen auf meinem karierten Block aus.
Robert Lance schnaubte neben mir. Bis heute wusste ich nicht, ob ihm meine regelmäßigen Kommentare in unserem gemeinsamen Kurs auf die Nerven gingen oder ihn amüsierten. Der Mann war nur schwer zu durchschauen. Diesmal entdeckte ich jedoch ein kurzes Zucken um seine Mundwinkel, obwohl sein Gesichtsausdruck ernst blieb.
Na also. Damit war die gute Tat des Tages abgehakt.
Ich füllte das letzte Kästchen mit schwarzer Farbe, während unser Dozent die wichtigsten Punkte der Vorlesung über die diplomatischen Beziehungen Asiens noch einmal zusammenfasste. Sobald er mit einem »Wir sehen uns am Donnerstag« endete, klappte ich den Block zu, trank meinen Eistee aus und packte meine Sachen zusammen.
Um uns herum summte es wie in einem Bienenstock, während sich alle Studenten in Richtung Ausgang bewegten. Ich schulterte meine Tasche und folgte Rob zur Tür, wo er einem Mädchen mit langen Zöpfen den Vortritt ließ.
Ich schüttelte den Kopf. Im Gegensatz zu mir waren Rob Diplomatie und internationale Beziehungen wie auf den Leib geschneidert. Er schien die Welt verändern zu wollen – ich wollte sie nur begreifen. Und allen anderen verständlich machen.
Wir verabschiedeten uns auf dem Gang, da er einen weiteren Kurs in der politischen Fakultät hatte, während ich zur Stone Hall musste. Draußen zog ich meine cremefarbene Jacke enger um mich. In den letzten Wochen war es rapide kälter geworden. Selbst wenn der Himmel tiefblau war und die Sonne schien, war ich froh um die kniehohen braunen Stiefel, die ich zu meinem Wollrock angezogen hatte.
»Gillian!«
Ich erstarrte. Beim Klang der hellen Stimme zog sich etwas in meinem Magen zusammen. Langsam drehte ich mich um und setzte ein unverbindliches Lächeln auf.
»Hallo Addison.« Die Worte glitten wie Honig von meinen Lippen. »Du hier? Was für eine Überraschung.« Honig mit einer ordentlichen Portion Gift.
Sie stapfte auf mich zu wie eine Teilnehmerin aus Americas Next Top Model, die ihrer Konkurrentin das Gesicht zerkratzen wollte. Ihr langes schwarzes Haar war zu einem hohen Zopf gebunden, der bei jedem Schritt hin und her schwang. Ihre Haut war blass, die Lippen zu einer harten Linie zusammengepresst, während sie mich aus verengten Augen anfunkelte. Sobald sie mich erreichte, gab sie mir einen Stoß gegen die Schultern.
Ich taumelte zurück. »Was zum …« Nicht fluchen, Gillian. Ich biss mir auf die Zunge. »Was soll das?«
Addison baute sich dicht vor mir auf. Von einer persönlichen Komfortzone hatte sie wohl noch nie etwas gehört. »Dachtest du, ich würde es nie herausfinden?«, fauchte sie. »Wie lange wolltest du mich noch zum Narren halten?«
Aus dem Augenwinkel registrierte ich die Blicke der Leute um uns herum. Das aufgeregte Getuschel. Die langsamer werdenden Schritte. Wenn sich Addison nicht schnell wieder beruhigte, würde das hier in einer filmreifen Szene enden.
Ich schüttelte den Kopf. »Wovon redest du überhaupt?« Meines Wissens nach hatte ich in letzter Zeit nichts getan, um sie zu verärgern. Ihre Wut auf mich, weil ich ihr vor einem Jahr das Leben gerettet hatte, statt sie in den Duschen verbluten zu lassen, konnte nicht der Grund für diesen Auftritt sein. Denn sie war ständig wütend deswegen und hasste mich dafür, dass sie sich meinetwegen mit etwas auseinandersetzen musste, das sie mehr zu verabscheuen schien als mich – ihr Leben.
»Du hast Bree erzählt, was damals zwischen Rob und mir vorgefallen ist. Wie falsch es lief. Und dann auch noch auf ihn eingeredet, er solle nicht aufgeben.« Ihr hübsches Gesicht verzog sich zu einer Fratze. »Ich bin zurück ans College gekommen, um mich mit ihm zu versöhnen. Mit dir. Doch du musstest alles kaputtmachen …« Zorn, Verachtung und Fassungslosigkeit spiegelten sich in ihrer Miene wider. »Und ich erfahre das wann? Sechs Monate später?«
Mein Herz begann zu hämmern. Hart. Panisch. Traurig. Denn ich bereute nicht, was ich zu jener Zeit getan hatte. Bree hatte mir in einer der dunkelsten Stunden meines Lebens beigestanden. Als es niemanden gab, an den ich mich hätte wenden können, war sie da gewesen, hatte mir zugehört und mich kommentarlos mit Taschentüchern versorgt. Und das, obwohl ich mich ihr gegenüber zuvor ständig wie ein Miststück verhalten hatte.
Ich presste die Lippen aufeinander. Bedauern zu empfinden, war unmöglich, wenn jedes Kind sehen konnte, wie gut Bree und Rob zusammenpassten und wie glücklich sie waren. Das Einzige, was mir von Herzen leid tat, war, wie sehr ich Addison damit verletzt hatte.
»Bitte hör mir zu. Es tut mir …«
»Halt den Mund!« Tränen schimmerten in ihren Augen. »Wag es ja nicht, dich zu entschuldigen. Du hast keine Ahnung, was in mir vorgeht, denn Gefühle scheinen ja ein Fremdwort für dich zu sein, nicht wahr? Stan hat dich sitzen gelassen und trotzdem tust du so, als wäre nichts geschehen. Als würde dein perfektes Leben genauso weitergehen wie bisher. Steckt da drinnen überhaupt ein Herz?« Angewidert zeigte sie mit dem Finger auf mich.
Ich zuckte nicht einmal zusammen, denn ihre Worte waren nur ein weiterer Dolch, den sie mir in die Brust rammte. Doch tief in meinem Inneren, unter den vielen Schichten meiner kunstvoll errichteten Maske, schmerzte es gewaltig.
Addison war einst meine beste Freundin gewesen, aber jetzt erkannte ich die Frau nicht wieder, zu der sie sich entwickelt hatte. Wer war diese verbitterte, verzweifelte Person? Wo war das Mädchen, mit dem ich als Siebenjährige mit Puppen gespielt hatte? Das sich neben mir im Bett liegend unsere Zukunft ausgemalt hatte? Wir wollten unsere Traummänner heiraten, Familien gründen und unsere Kinder zusammen aufwachsen lassen, so wie wir zusammen aufgewachsen waren.
Ich hätte wissen müssen, dass dieser Traum zu perfekt war, um in Erfüllung zu gehen.
»Alles in Ordnung bei euch beiden?«, mischte sich eine tiefe Stimme in unseren Streit ein.
Ich drehte den Kopf zur Seite und musste ihn gleich darauf in den Nacken legen, weil ich nur eine männliche Brust anstarrte. Verpackt in ein weißes Shirt und eine rot-weiße Collegejacke stand Jared Hartwell neben uns, die Hände erhoben. Scheinbar rechnete er damit, uns jeden Moment auseinanderzerren zu müssen.
Addison nahm ihn nicht einmal zur Kenntnis. »Halt dich endlich aus meinem Leben raus«, zischte sie in meine Richtung. Ihre Stimme bebte vor Wut, genau wie ihre zu Fäusten geballten Hände. Sie wirkte nur mühsam beherrscht. »Ich brauche niemanden, der die Heldin spielen und mich vor mir selbst retten will, während sie mir gleichzeitig ein Messer in den Rücken rammt.«
Ich konnte ihr nur wie gelähmt nachsehen, während sie auf dem Absatz kehrtmachte und davonstürmte. Übelkeit rumorte in meinem Magen und in meiner Brust hämmerte etwas, das unmöglich mein Herz sein konnte. Denn laut Addison besaß ich keines.
Ich senkte den Blick und entdeckte ausgerechnet das Perlenarmband, das unter meinem Jackenärmel hervorlugte. Fünf schimmernde Süßwasserperlen, die mit einem Band aus Weißgold verbunden waren. Addison hatte es mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt. Damals war die Welt noch in Ordnung gewesen.
Jared räusperte sich neben mir. »Geht es dir gut?«, fragte er leise.
Ich wünschte, alles würde genauso an mir abprallen, wie Addison es mir vorwarf, doch die Realität sah anders aus. Diese Dinge gingen mir nahe. Es war nur meine Fassade, die intakt blieb. Wie bei einer Porzellanpuppe.
»Ja«, brachte ich hervor, ohne den Blick von dem Punkt zu nehmen, an dem Addison zwischen den Universitätsgebäuden verschwunden war. Ich wandte mich kopfschüttelnd ab. Jared hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Nur dass er jetzt mich musterte, statt in die Ferne zu sehen. Irritiert zog ich die Brauen in die Höhe. »Du hast die Jungfrau in Nöten gerettet, edler Ritter. Du kannst wieder gehen.«
Seine Mundwinkel hoben sich. »Schön zu hören, obwohl ich glaube, dass du meine Hilfe gar nicht nötig hattest.«
Gut erkannt. Warum standen wir dann noch hier herum, statt unserer Wege zu gehen wie sonst auch? Jared und ich waren nicht gerade das, was man Freunde nennen würde.
Ich legte den Kopf schief, ohne dem Blick aus seinen blauen Augen auszuweichen. »Auch wenn ich deine ritterlichen Fähigkeiten schätze, aber was hat ein Sportler überhaupt bei der politischen Fakultät zu suchen?«
Er ignorierte meinen kleinen Seitenhieb. »Ganz einfach. Ich wollte zu dir. Können wir kurz reden?«
Es konnte nur einen Grund geben, warum Jared Hartwell mit mir sprechen wollte. In dem Versuch, mich für das zu wappnen, was unweigerlich folgen würde, biss ich die Zähne zusammen. »Geht es um Stan?«
Es musste um meinen Ex gehen, denn Jared und Stan waren nicht nur Teamkameraden in der Baseballmannschaft der University of Montana, sondern auch beste Kumpel. Der Mistkerl war das Einzige, was uns verband – abgesehen vom Wasserfarbmassaker in der dritten Klasse. Doch das war eine Ewigkeit her.
Jared schüttelte den Kopf. »Stan hat nichts damit zu tun. Es ist etwas … Persönliches.«

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