Leseprobe: Lines of Yesterday


* 1 *

Es gab Tage im Leben, an denen Glück und Schmerz so nahe beieinanderlagen, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. Tage, an denen man gar nicht erst aufstehen, sondern sich die Decke über den Kopf ziehen und bis zum nächsten Morgen im Bett bleiben sollte. Der 18. August war so ein Tag – und ich hatte den Fehler gemacht, tatsächlich aufzustehen. Nämlich zu spät.
Heute war mein erster Tag am College – und ich rannte in den erstbesten Sachen, die ich aus dem Schrank gefischt hatte, mit kaum vorhandenem Make-up im Gesicht und einem hektisch zusammengebundenen Pferdeschwanz die Treppen hinunter. Ein fliegender Teppich wie der von Aladdin wäre jetzt hilfreich, denn ohne diesen würde ich es nie rechtzeitig zu meiner Vorlesung schaffen. Mir blieben gerade mal zehn Minuten Zeit, um aus meinem Wohnheim über den halben Campus zu rennen – und das alles ohne Kaffee.
Im Laufen schob ich mir meine Umhängetasche über den Kopf und stieß die Glastür unseres Wohnheims auf. Beinahe wäre ich mit einem blonden Mädchen zusammengestoßen, das mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte.
»Entschuldigung!«, rief ich, ohne stehen zu bleiben, und zog mein Handy aus meiner Tasche. Acht Minuten und ein verpasster Anruf meiner Mom. Na klasse.
Ich erreichte den Platz mit der riesigen Bärenstatue und eilte daran vorbei den Weg hinunter. Das Hauptgebäude aus rotem Backstein war nicht zu übersehen. Die große Turmuhr verkündete mein Schicksal laut und deutlich, wenn ich keinen Zahn zulegte. Jetzt kamen mir nicht nur die vielen Stunden zugute, die ich in den vergangenen Jahren mit Joggen verbracht hatte, sondern auch die knallgrünen Sneakers, die ich heute Morgen angezogen hatte.
Schlitternd kam ich neben dem Campuscafé zum Stehen. Mir blieben vielleicht noch drei, bestenfalls vier Minuten. Wenn ich weiterrannte, hatte ich zumindest den Hauch einer Chance, es doch noch rechtzeitig zu schaffen, würde mir nicht eine bestimmte Sache fehlen: Kaffee. Am besten extragroß.
Nervös nagte ich an meiner Unterlippe und versuchte, von außen einen Blick ins Café zu werfen. Das Think Tank, so viel hatte ich bereits mitbekommen, galt als einer der Haupttreffpunkte zwischen den Seminaren. Doch jetzt wirkte das Café erstaunlich leer. Ich sah niemanden am Tresen stehen und auf seine Bestellung warten. Das war meine Chance.
Ich riss die Tür auf, bestellte einen Caramel Macchiato und ging zum anderen Ende des Tresens. Während ich auf meinen Kaffee wartete, studierte ich die riesige schwarze Tafel, die in geschnörkelter Schrift auflistete, wie viele verschiedene Kaffeesorten und Geschmacksrichtungen hier verkauft wurden. Vergeblich versuchte ich dem Drang zu widerstehen, die Sekunden zu zählen. Mom würde mich umbringen, wenn sie von ihrem guten Freund, der zufällig auch noch mein Dozent war, erfuhr, dass ich schon zur ersten Vorlesung zu spät gekommen war.
Ein Klingeln ertönte, als jemand das Café betrat und die Tür hinter sich zufallen ließ. Ich sah zur Verkäuferin, einem Mädchen in meinem Alter, das jetzt mitten in der Zubereitung meines Macchiatos aufhörte, um den neuen Kunden zu bedienen. Hallo? Akuter Koffeinmangel rechts von dir!
Unruhig zupfte ich mein dunkelgraues Shirt hoch, das mir über die Schulter gerutscht war. Umsonst. Der Stoff gab der Schwerkraft nach und fiel wieder zurück. Egal. Pünktlichkeit vor Schönheit.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie der andere Kunde näherkam und sich mit dem Rücken gegen den Tresen lehnte. Es war ein junger Mann, nicht viel älter als ich, und als ich flüchtig zu ihm hinüberschaute, trafen sich unsere Blicke. Braune Augen sahen mir aus einem sonnengebräunten Gesicht entgegen. Mit einem Mal wurde mir warm und ich wandte den Blick ab, zurück zur Verkäuferin, die gerade dabei war, ein kreatives Muster mit Karamellsirup auf meinem Milchschaum zu verteilen. Ob sie bei dem Typen ihre Telefonnummer auf den Schaum malen würde?
Ich schob den Riemen meiner Tasche zurecht und tippte mit den Fingern gegen meinen nackten Oberschenkel. Hotpants anzuziehen, war eine miese Idee gewesen. Ich konnte beinahe körperlich spüren, wie mich der fremde Kerl von oben bis unten musterte. Er machte sich nicht mal die Mühe, es zu verbergen oder wegzuschauen, als die Verkäuferin ihn etwas wegen seiner Bestellung fragte.
Ich holte tief Luft und nahm all meinen Mut zusammen. »Kein Interesse«, sagte ich ohne aufzusehen, denn egal wer dieser Kerl war, mein Interesse ging tatsächlich gen null. Zumal es seine Schuld war, dass ich jetzt erst recht zu spät kommen würde. Herzlichen Dank auch.
»Sicher nicht?«, ertönte eine tiefe, männliche Stimme neben mir. Eine der Sorte, die Jungs in diesem Alter nicht besitzen sollten, weil sie Mädchen im Umkreis von zehn Meilen auf dumme Gedanken brachte.
Glücklicherweise war ich immun gegen solche Reizfaktoren – zumindest sollte ich es sein, wenn man bedachte, dass ich seit drei Jahren mit Jared zusammen war. Dennoch fühlte ich den Blick des Fremden auf mir, als würde er sich in meine Haut brennen und einen Flächenbrand in meinem Inneren auslösen. Wer war dieser Kerl?
»Nein«, antwortete ich und nahm meinen Kaffee mit einem knappen »Danke« entgegen. Ich packte den Plastikdeckel auf den Becher und wandte mich ab.
»Warte!«
Warme Finger schlossen sich um meinen Unterarm. Ich erstarrte mitten in der Bewegung und hätte beinahe meinen Kaffee verschüttet. Dieser Typ hatte vielleicht Nerven! Zu schade, dass er nichts von dem Pfefferspray in meiner Tasche wusste und dass ich nicht davor zurückschreckte, es auch einzusetzen. Vermutlich ahnte er auch nicht, dass er sich gerade mit der Freundin des neuen Pitchers der Montana Grizzlies anlegte. Junge, Junge, der Kerl musste Todessehnsucht haben.
Langsam drehte ich mich um, damit ich ihm gehörig die Meinung sagen konnte, aber das Erste, was ich sah, war eine breite Brust, über der sich ein schwarzes T-Shirt mit dem unverkennbaren AC/DC-Logo spannte. Ich legte den Kopf in den Nacken und begegnete einem Paar dunkler Augen mit dichten Brauen, dazu ein Dreitagebart und braune Haare, die den Frisch-aus-dem-Bett-Look vervollständigten. Als der Fremde lächelte, verschwand eine kleine Narbe in seinem Mundwinkel.
»Hi …«, sagte er nur, als wäre es völlig normal, ein wildfremdes Mädchen mitten im Campuscafé festzuhalten und mit ihm zu plaudern.
Stirnrunzelnd sah ich auf seine Finger hinunter, die genau über dem breiten Armband lagen, das die Narbe an meinem Handgelenk verdeckte – und erstarrte. Um mich herum schien es keinen Sauerstoff mehr zu geben, denn als ich nach Luft schnappte, drang nichts davon in meine Lunge. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Das konnte nicht sein. Ich starrte auf sein Handgelenk, auf dem eine etwa drei Zentimeter lange Narbe prangte. Nur wenige Millimeter breit und beinahe weiß hob sie sich wie ein Kratzer vom Rest seiner gebräunten Haut ab. Würde ich nicht wie jeden Tag mein Armband tragen, könnte er sehen, dass ich dieselbe Narbe aufwies. Eine Narbe, die in seine überging, wenn er mich genauso festhielt wie jetzt.
Weil dieser fremde Kerl nicht irgendwer war.

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