Leseprobe: Pain of Today


* 1 *

Ich lag in einem Bett, das nicht meines war, und starrte an die Decke. Nackt. Mein Körper glühte von den letzten Minuten, doch inzwischen hatte sich mein Verstand wieder eingeschaltet und führte mir gnadenlos vor Augen, was geschehen war. Nicht, dass ich es nicht ohnehin sehen könnte, ich musste nur meinen Kopf nach links drehen, wo er in den seidigen Laken neben mir lag.
Seine Brust hob und senkte sich schwer. Das blonde Haar war verstrubbelt, weil ich bis vor wenigen Sekunden meine Finger hineingekrallt hatte. Er hatte einen fantastischen Körper, sportlich und muskulös, wie dafür gemacht, Mädchen in den Wahnsinn zu treiben. Aber seine Züge waren in den letzten Wochen härter geworden, die Schatten unter seinen blauen Augen dunkler.
Jared räusperte sich. „Violet darf nie etwas davon erfahren“, sagte er mit einem rauen Unterton in der Stimme, den ich bis eben noch sexy gefunden hatte.
„Meinst du, ja?“ Ich setzte mich auf, wobei ich mir nicht die Mühe machte, meine Blöße mit dem Laken zu bedecken. Er hatte ohnehin schon alles von mir gesehen, was es zu sehen gab. „Dabei wollte ich ihr gleich simsen und deine Leistungen auf einer Skala von eins bis zehn bewerten.“
Einen Moment lang sah Jared mich an, als befürchtete er, dass ich genau das tun würde. Ich zog die Mundwinkel in die Höhe, damit er realisierte, dass ich nicht vorhatte, seine Träume von einer Wiedervereinigung mit seiner Ex zu zerstören. Seiner Ex, die dummerweise auch noch meine beste Freundin war.
Ich war so was von geliefert.
Schweigend hob ich meine verstreuten Klamotten auf und zog mich an. Zuerst die Unterwäsche und die enge Jeans, dann das tief ausgeschnittene rote Oberteil und die funkelnden High Heels. Mein Outfit schrie nicht bloß Party, sondern geradezu Männerjagd. Ich war ja so ein verdammter Glückspilz, dass mir letzte Nacht ausgerechnet dieser Mann ins Netz gegangen war.
Jared hielt mich nicht auf, als ich sein Schlafzimmer verließ. Er hielt mich auch nicht auf, als ich im Flur meine Jacke und Handtasche vom Boden auflas und die Wohnungstür öffnete. Es war ihm egal, dass ich ging – solange ich niemandem davon erzählte, was zwischen uns geschehen war. Diese Erkenntnis hinterließ einen ebenso bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge wie der Alkohol von letzter Nacht.
Ich schloss die Tür mit einem Klicken, das so endgültig klang, als hätte ich soeben mein Schicksal besiegelt. Bei jedem anderen Kerl hätte ich über diesen Gedanken gelacht, aber nicht bei Jared. Nicht bei dem Mann, in den ich seit Jahren verliebt war. Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Dummheit, drehte mich um – und erstarrte, als ich in ein Paar braune Augen unter noch dunkleren Brauen blickte. Den Türknauf in der Hand musterte ich ihn, während mein vom Tequila träger Verstand zu ergründen versuchte, warum mir dieser Typ so bekannt vorkam.
Er stand an der Tür gegenüber, nur dass er im Gegensatz zu mir nicht herauskam, sondern hineingehen wollte. Schwarze Haarsträhnen fielen ihm in die Augen und ich entdeckte kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn. Hohe Wangenknochen und ein kantiges Gesicht vervollständigten das Bild. Der dunkle Bartschatten ließ ihn älter wirken, als er tatsächlich war. Mein Blick wanderte weiter, tiefer, zu einem eng anliegenden weißen T-Shirt, das seine gebräunte Haut betonte und nur wenig Raum für Fantasie ließ. In den dunkelblauen Shorts und Sportschuhen steckten die muskulösen Beine eines Läufers. Mit einem Mal wusste ich, woher ich ihn kannte – und hätte am liebsten lauthals geflucht. Gott hasste mich.
„Guten Morgen …“, begrüßte Rob mich mit einem überraschten Unterton in der tiefen Stimme. Er klang kaum außer Atem, auch wenn es offensichtlich war, dass er von seiner morgendlichen Joggingrunde kam. Was nur bedeuten konnte, dass er hier wohnte. Im gleichen Gebäude wie Jared. Fantastisch.
Rob und ich hatten uns letzten Sommer auf einer Verbindungsparty kennengelernt, auf der meine beste Freundin Violet uns einander vorgestellt hatte. Obwohl ich mich nicht an jedes Detail von jener Nacht erinnerte, wusste ich eine Sache mit Bestimmtheit: Robert Lance war ein Arschloch. Dass ausgerechnet er meinen Walk of Shame miterlebte, hatte mir gerade noch gefehlt.
„Morgen“, antwortete ich forscher als beabsichtigt, doch irgendetwas an diesem Kerl reizte mich bis aufs Blut. War es diese ruhige Art, die einen ungeduldigen Menschen wie mich in den Wahnsinn trieb? Vielleicht. Lag es daran, dass er mich trotz meiner 1,74 m um mindestens zehn Zentimeter überragte? Wohl kaum. Ich hatte schon größere Männer kennengelernt – und freundlichere. Wieder kam mir diese Party in den Sinn, aber ich schob den Gedanken daran konsequent beiseite. Es war lächerlich, sich noch immer darüber zu ärgern, schließlich bekam jeder mal einen Korb. Na ja, jeder außer ich.
Ich nickte Rob knapp zu und wandte mich ab. Doch während ich den Flur hoch erhobenen Hauptes entlang ging, hörte ich kein Klicken und keine Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Stattdessen spürte ich Robs Blick in meinem Rücken und konnte seine Gedanken dazu beinahe hören. Jepp, ich kann dich auch nicht leiden, Kumpel.
Als ich die Treppe und gleich darauf das Erdgeschoss erreichte, atmete ich erstmals auf. Was für ein beschissener Start in den Tag. Noch im Eingangsbereich kramte ich meine Sonnenbrille aus der Handtasche, um die verräterischen Mascaraspuren ebenso zu verdecken wie meine Augenringe.
Es dauerte den ganzen Weg von Jareds Apartment bis nach draußen, damit mir klar wurde, was soeben geschehen war. Schlimm genug, dass ich mit dem Ex meiner besten Freundin geschlafen hatte und wir beide diese verdammte Nacht für uns behalten wollten. Doch die wahre Katastrophe war, dass bereits eine dritte Person davon wusste – und diese Person war ausgerechnet Robert Lance. Prima. Wirklich prima. Gottverdammt noch mal! Rob war mit Violet befreundet und konnte mich nicht ausstehen. Jetzt war ich erst recht geliefert.

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